Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Fantasy-Feinkost: Verzauberndes Sprach-Bukett

Bei amazon gehen die Meinungen extrem auseinander. Die einen loben Rothfuss als zweiten Tolkien, andere stellen Der Name des Windes über alles, was sie im Bereich Fantasy bisher gelesen haben, wieder andere zerreißen den Roman von vorne bis hinten.

Jetzt möchte ich mal meine Meinung kundtun.

Das ganze spielt in einer Welt, in der es Magie gibt, die erlernt werden kann. Wie viele Fantasy-Welten mutet sie ein bisschen mittelalterlich an. Die gesellschaftliche Hierarchie ist strikt, Aufstieg schwierig.

Die Geschichte beginnt – recht klassisch – in einem Gasthaus. Was man einige Kapitel später erahnt: Es geht hier um den Wirt. Er wird der Held dieser Geschichte. Doch wird nicht ganz klar, wohin diese Geschichte läuft.

Gleich zu Anfang werden Protagonisten und Leser mit Dämonen konfrontiert. Es kommt zu einem Kampf. Doch dann wird es sehr sehr sehr sehr ruhig…

Denn nun folgt die Lebensgeschichte des Wirtes. Schön gemacht: Der Anfang ist aus der Sicht eines allwissenden  Erzählers erzählt, doch sobald der Wirt seine Geschichte beginnt, folgen die nächsten Kapitel aus seiner Ich-Perspektive. Das bringt die Geschehnisse natürlich viel näher an den Leser heran, sie sind emotionaler. Leider fehlt es, wie vielen von Männern geschriebenen Büchern, ein wenig an wirklich tiefgreifenden Emotionen. Dazu kommt, dass unser Held doch ein bisschen zu viel Glück hat und viele Dinge dann irgendwie doch zu einfach gelingen und sich zu leicht zum Guten wenden. Aber auch das ist mit ein bisschen Fantasy-Leseerfahrung meiner Meinung nach nichts wirklich Neues.

Die Geschichte macht Spaß. Sie ist sehr schön geschrieben, mit schönen Bildern und einem gewissen Witz, der vor allem in wörtlichen Reden zum Tragen kommt. Einige Spitzen kommen unerwartet und haben mich wirklich breit grinsen lassen. Einige Bilder werden sehr gewissenhaft wiederholt, um bestimmte Erinnerungen wach zu halten und bestimmte Emotionen deutlich zu machen, das finde ich recht geschickt. Dennoch gibt es leider auch in diesem Buch zu viele ungewollte Wiederholungen, und so antworten doch ein paar Leute zu oft in „sachlich-nüchternem“ Ton oder lächeln „scheu“. Wie immer, wenn mir sowas auffällt, frage ich mich auch hier: Hat da mal wieder der Lektor gepennt? Wenn das ja sogar einem normalen Leser schon auffällt… aber naja, es schmälert nicht die Geschichte und so kann man vielleicht auch darüber hinweg sehen.

Die Erzählung der Lebensgeschichte des Helden beginnt in der Kindheit, danach folgt eine sehr ausführliche Beschreibung seiner Zeit an der Universität. Vieles ist sehr banal, vielleicht sogar langweilig. Vieles erinnert an Harry Potter. Es gibt die guten und die bösen Professoren, Gegner, die unserem Helden nach dem Leben trachten, unerlaubtes Anwenden von Magie und harte Strafen. Dabei fallen die Strafen etwas blutiger aus als in Harry Potter. Außerdem geht es an der Universität nicht nur um Magie. Lange genug wird ein großer Bogen um sie gemacht, um den heißen Brei geredet. Ein kleines Ziel erreicht der Held dann bei etwa 88% des Buches – und das ist auch gut so. Denn ohne dieses Ziel könnte man sich leicht fragen, wo das Ganze noch hinführen sollte und was dann bitteschön im zweiten Band passieren sollte.

Neben Magie spielen auch Handwerk und Musik große Rollen. Außerdem, aber das eher unterschwellig, geht es um Freundschaft, Altruismus und Zukunftsängste. Weitere wiederkehrende Probleme sind Armut, Vorurteile und Rache.

Unterbrochen wird die Geschichte immer wieder durch Szenen in dem Wirtshaus vom Anfang, in dem der Held seine Erlebnisse zum Besten gibt. Diese Kapitel sind liebevoll als „Zwischenspiel“ gekennzeichnet und so wundert es einen dann auch nicht, wenn die Erzählweise plötzlich wieder wechselt und wir für ein Kapitel die Ich-Perspektive verlassen. Das finde ich ganz gelungen gemacht. Es unterbricht die etwas langwierige Lebensgeschichte auf angenehme Art.

Leider fehlt mir ein wenig die Action. Nach 70% (beim Kindle gibt es keine Seitenzahlen ;) ) des Buches fing ich doch langsam an, diese zu vermissen. Zwar bekommt man im folgenden eine erneute Episode der ach so schlimmen Bedrohung zu spüren, dennoch bleibt dieses Böse unwirklich, nicht greifbar und lächerlich wenig bedrohlich.

Manche Bedrohung entpuppt sich dann auch als etwas anderes als erst angenommen, wird dadurch irgendwie geschmälert und beschwichtigt und weniger ernst genommen. Die wirklich Bösen, die, mit denen der Held noch eine Rechnung offen hat, kommen etwas zu kurz. Meine Hoffnung ist ja, dass sie im zweiten Band eine größere Rolle spielen werden. Sowieso ist es beinahe so, als würde der erste Band nur vorbereiten, was danach geschehen soll.

Die obligatorische Liebesgeschichte führt beinahe schon zum Fremdschämen und die Dialoge, die ich eigentlich sehr zu schätzen wusste, sind in diesen Teilen des Buches leider sehr schlecht und unrealistisch, selbst für eine Figur, die sich mit dem anderen Geschlecht schwer tut. Interessant bleibt vor allem der weibliche Part dieser Liebesgeschichte. Denn das Mädchen ist nicht durchschaubar, nicht für den Helden, der sie liebt und nicht für den Leser. Sie ist nicht eindeutig, nicht flach, nicht nur stereotyp. Natürlich gibt es in jeder Fantasy-Saga eine geheimnisumwobene Frau. Aber sie bleibt interessant, denn ihre Geheimnisse werden nicht vorschnell gelüftet.

Was die Liebesgeschichte dann doch wieder lesenswert macht, sind die wunderschönen Bilder, die Rothfuss mit Worten malt. Manchmal ist es fast schon Poesie und ich habe mich oft genug dabei erwischt, verträumt meinen Kindle anzugrinsen und die Welt um mich herum völlig zu vergessen.

Ich kann nicht unbedingt zustimmen, Rothfuss auf eine Stufe mit Tolkien zu stellen. Aber Rowling erreicht er auf jeden Fall (ich muss zugeben, die Harry Potter-Reihe nur aus den Filmen zu kennen und bewerte daher nur die Story, nicht aber den Schreibstil oder Beschreibungen oder Charakterisierungen). Natürlich gibt es hier ganz offensichtliche Fantasy-Elemente, da würde ich jetzt aber nicht davon sprechen, dass einer beim anderen abgeschrieben hat. Einzig irgendwie auffällig: Warum immer Spinnen?

Die Spinne am Ende der „Zwei Türme“, zu deren Netz Gollum ein ganz liebreizendes Lied singt, die Spinne, die Hagrid als Haustier hält (und die vielen anderen im Wald –iiih), und jetzt auch noch Spinnen-Dämonen. Aber auch das wird sich hoffentlich in einem zweiten Band aufklären lassen.

Die Charaktere gewinnen jedenfalls eher dadurch Gestalt, dass man sie in ihrem Wesen kennenlernt. Ihr Äußeres ist häufig recht dürftig durch Haar- und Augenfarbe umrissen. Das allein reicht aber bei weitem nicht, sie klar vor sich zu sehen. Und so beflügelt man nun mal die eigene Phantasie und macht sich selbst ein Bild. Die einfachen Namen helfen dabei, die vielen Figuren auseinander zu halten.

Das Ende wartet dann doch noch mal – recht unerwartet – mit ein bisschen Spannung auf. Außerdem enthält es haufenweise Andeutungen auf einen zweiten Band, auf noch mehr Lebensgeschichte – die zum Schluss im etwas lieblosen Zeitraffer weitererzählt wird-, auf Geheimnisse, Dämonen und andere Bedrohungen. Auch der Sidekick unseres Helden bekommt seinen Auftritt und zeigt damit, dass die Welt, die sich Rothfuss hier erdacht hat, noch deutlich mehr enthält als im ersten Band preisgegeben wird.

Zum Schluss gibt es dann sogar noch eine Karte und Erläuterungen zum Kalender und zu den Währungen – das hätte ich nur gerne irgendwie am Anfang gehabt.  Außerdem macht eine Leseprobe Lust auf den zweiten Teil.

Im Großen und Ganzen: Sehr sehr schön erzählt. Eine Geschichte, der man gut folgen kann und die in sich stimmig ist – abgesehen von den ungelösten Geheimnissen, die sich aber mit Sicherheit problemlos einfügen werden, sobald es an der Zeit ist, sie zu lüften –und die einfach Spaß macht, ohne anzustrengen. Die vielen moralischen Hämmer fallen eher im Hintergrund, sodass man sich als Leser weder auf die Füße getreten fühlt, noch dazu aufgerufen wird, darüber nachzudenken. Angenehme Unterhaltung, die aufgrund ihrer Länge sogar ein paar Tage vorhält.

Von mir gibt es vier Sterne. Fünf hätte es gegeben für etwas mehr Mitfiebern und weniger langwierige (nicht langweilige!) Erzählungen der Studentenzeit.

Langes Buch – lange Rezension. Sorry dafür!

Hier geht’s zum Buch: http://www.amazon.de/Der-Name-Windes-K%C3%B6nigsm%C3%B6rder-Chronik-ebook/dp/B006TXMR62/ref=tmm_kin_title_0?ie=UTF8&m=A11MW6AJTK8WZ7&qid=1340197352&sr=8-1

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