[short stories] Schnupperstunde

„Manchmal sehe ich gar nicht mehr richtig hin. Manchmal wird es Frühling und ich merke es erst, wenn der Duft einer erwachenden Wiese mein Fahrrad anschiebt und mir das erste Zwitschern der Vögel an den Haaren zieht.

Manchmal sitze ich auf unserer Bank und starre. Es riecht nach Mann, Frau, Raucher, Hundekacke und die Luft ist elektrisch. Es riecht nach Regen und nach Dämmerung und nach Liebe mit Kondom.

Bild: InDetail

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Und manchmal berührt mich etwas. Aber es ist mehr so wie das Streifen eines Ärmels eines Passanten, den man vielleicht möglichweise interessant gefunden haben könnte, hätte man mehr Zeit gehabt, um richtig hinzusehen, richtig hinzufühlen. So bleibt alles eine vage Idee, eine versehentliche Berührung eines Fremden, die dir vielleicht kurz die Härchen aufstellt, die aber nicht dein Herz erreicht.

Wozu hat man denn Fremde?, hast du damals gefragt. Da waren wir uns näher als heute, obwohl wir uns jetzt besser kennen. Du hast zu viel geraucht und ich zu viel getrunken. Zu wenig geschlafen haben wir beide. Es waren diese unberechenbaren Frühlingsnächte, von denen wir high wurden und ungezwungen unbezwungen. Wir sagten, was wir dachten, ohne hinzuhören, was da eigentlich in unseren Hirnen los war. Chaos direkt hinter den Nasenflügeln. Und ich war sauer auf dich und du hast mich ausgelacht und irgendwie sind wir dann in deinem Bett gelandet. Es roch so gut. Nach dir und nach deinem Schweiß. Das habe ich dir mal gesagt, da hast du das Gesicht verzogen.

Du magst den Geruch von Sommerregen, hast du gesagt. Das ist zu einfach. Das kann jeder. Das ist irgendwie nicht besonders und rückblickend passt das auch ganz gut zu dir.

Ich war dir gefolgt, immer der Nase nach, und hatte doch nicht den richtigen Riecher. Und rückblickend passt das auch ganz gut zu mir.

Ich hab ihn mir richten lassen. Den Riecher. Ich bin jetzt nicht mehr die, die ich damals war. Und dich kann ich nicht mehr riechen.

Nur manchmal, da denke ich an dich, wenn es nach Frühling riecht.“

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Das Short Story Thema im April, das Bine und Andrea sich überlegt haben, lautet „Umgebung“. Wie immer habe ich mich davon inspirieren und treiben lassen, immer in großer Vorfreude auf das, was dabei raus kommt.

Die beiden haben sich für 2014 vorgenommen, jeden Monat ein Thema zu veröffentlichen, zu dem dann jeder, der mitmachen möchte, seine Gedanken niederschreiben kann. Ich habe dies zum Anlass genommen, ein lang vernachlässigtes Hobby, das kreative Schreiben, zu reaktivieren. Jetzt schreibe ich jeden Monat einen kleinen Text und bin sehr auf euer Feedback gespannt!

Unterschrift1~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Mehr [short stories]:
Januar: Roter Schlüpfer
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Juni: Limettenlächeln
August: Schön

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9 Antworten zu [short stories] Schnupperstunde

  1. Jeannette schreibt:

    Was für ein Geiles Foto. Traumhaft

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  2. Isa schreibt:

    Ich find die Geschichte super unterhaltsam und deinen Schreibstil herrlich!
    Bitte mach damit weiter, es liest sich ganz toll :)
    Vllt mach ich da ja auch mal mit!
    xx isa

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  3. Vanessa schreibt:

    Was ein schöner Text. Viele Sätze habe ich mehrmals gelesen, weil ich sie so schön finde. Es ist, als wäre man selbst dabei. Als könnte man das alles auch sehen und mich rührt das irgendwie total. Ich weiß nicht genau, was es es, aber es hat mich sofort mitgerissen. Wundervoll ♥ Ich liebe deinen Schreibstil :-)
    Liebe Grüße.

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    • Julia schreibt:

      Ach du Liebe, vielen vielen Dank für so viel Lob <3
      Das freut mich sehr! Und wie du ja selber weißt, ist Feedback sooo wichtig, sonst versumpft man und schreibt am Ende nur noch hohlen Kram :D
      Allerliebste Grüße zurück

      Gefällt mir

    • Julia schreibt:

      Ach du Liebe, vielen vielen Dank für so viel Lob <3
      Das freut mich sehr! Und wie du ja selber weißt, ist Feedback sooo wichtig, sonst versumpft man und schreibt am Ende nur noch hohlen Kram :D
      Allerliebste Grüße zurück

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    • Julia schreibt:

      Ach du Liebe, vielen vielen Dank für so viel Lob <3
      Das freut mich sehr! Und wie du ja selber weißt, ist Feedback sooo wichtig, sonst versumpft man und schreibt am Ende nur noch hohlen Kram :D
      Allerliebste Grüße zurück

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  4. purrrfekt schreibt:

    Hach, wie schön… :)
    Mir geht es da wie Vanessa, der Text ist für mich sehr mitreißend, das ist toll!
    Nur kurz vor dem Schluss war es für mich nicht ganz so flüssig zu lesen. Die zwei Sätze „Ich hab ihn mir richten lassen. Den Riecher.“ haben in meinem Kopf nicht ganz gepasst. Aber das Wortspiel mit Riecher und riechen können etc. war echt gut. Und das ist ja nur was ganz Subjektives :)
    Liebe Grüße, ich bin schon wieder gespannt auf den nächsten Text ^.^
    purrrfekt

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