[Freitagsrezi] Wir haben Raketen geangelt

„Ein Eichelhäher (was für ein schöner Vogel) vergräbt unten am Rand der Lichtung Eicheln im Boden. Ich habe Lust, ihm zu helfen.“ – Karen Köhler in „Wild ist scheu“

wir-haben-raketen-geangelt-lila-lummerlandAufmerksam geworden bin ich auf „Wir haben Raketen geangelt“ durch einen Artikel bei ZEIT online. Die kurze Geschichte über ein Liebespaar hat mich berührt. Obwohl sie sehr traurig endet. Oder gerade deshalb. Sie ist irgendwie echt, irgendwie ein bisschen abgefahren, irgendwie interessant. Davon wollte ich mehr lesen.

„Wir haben Raketen geangelt“ ist gleichzeitig der Titel des kleinen blauen Buches und der Kurzgeschichte, die im Buch an fünfter Stelle steht. Es enthält insgesamt neun Geschichten. Viele spielen mit dem Schockmoment, der den Leser trifft wie ein Schlag ins Gesicht.

Direkt die erste Geschichte haut einem das ganze Elend einer jungen Frau entgegen, die an Krebs erkrankt ist und erst ihre Haare und dann ihren Partner verloren hat. Es geht mit Themen wie Vergewaltigung und Verlust weiter. Leider stumpft man als Leser ein bisschen ab, wenn man immer wieder mit so schmerzenden und schockierenden Situationen konfrontiert wird. Dadurch entsteht der Eindruck, die Geschichten würden zum Ende hin schwächer werden. Aber würde man sie in einer anderen Reihenfolge lesen, hätte man dieses Gefühl wahrscheinlich nicht.

Karen Köhler beschreibt in ihren Kurzgeschichten Menschen, die leiden oder gelitten haben. Menschen, die Entscheidungen treffen. Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind. Dabei ist sie schonungslos und gleichzeitig merkwürdig distanziert. Als Leser findet man die Situationen schlimm und schmerzhaft und man wünscht den Figuren nur das Beste. Doch es ist oft so weit weg von einem selber. Die Geschichten sind nicht emotional, überschwänglich oder triefend. Sie sind irgendwie angenehm unprätentiös in ihrem Leid.

Nüchtern, geradeaus, das ist der Stil, in dem die Geschichten geschrieben sind. Manche sind nur Momentaufnahmen, manche erzählen längere Episoden oder sogar ein ganzes Leben. Leider fehlt den Geschichten oft der positive Dreh. Am Ende hofft man als Leser immer, dass es sich nun endlich zum Guten wendet, dass die Figur etwas mitnimmt, etwas lernt, oder dass zumindest der Leser etwas lernt. Doch diese Moral fehlt häufig. Es gibt aber auch keinen erhobenen Zeigefinger. Es gibt nur den unverklärten Blick auf die jeweilige Situation. Mit dem Ende jeder Geschichte bleibt man allein.

Das kann man unbefriedigend finden. Andererseits spiegeln sie dadurch das echte Leben wider. Mir persönlich fehlen ein wenig die Inspiration und das, was ich aus den Geschichten mitnehmen kann. Nur „Polarkreis“ ist für mich ein Anstoß, in Zukunft bessere Postkarten zu schreiben.

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Am meisten berührt hat mich „Wild ist scheu“. Allein der Titel ist schon so gelungen. Die Geschichte ist unglaublich traurig. Und man kann sie auf zwei Ebenen interpretieren. Ich empfehle, jede Geschichte für sich zu lesen – mit Pausen zwischen den einzelnen Stories. Dadurch bleibt jede Geschichte für sich allein stehen, bleibt stark, konfrontiert und schmerzt und lässt Gedanken zu. Ich rate von „binge reading“ ab, dadurch schwächt man selber den eigenen Lesegenuss und die Wirkung, die die Geschichten auf den Leser haben können.

Trotz der eher negativen Stimmung finde ich das Buch absolut lesenswert. Es ist ein Stück moderner Literatur, die ich in dieselbe Schiene stecken würde wie die Kuttner-Romane, die ich persönlich sehr gerne gelesen habe.

Habt ihr „Wir haben Raketen geangelt“ gelesen? Welche Geschichte mögt ihr am liebsten?

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