[*.txt] Wunschkonzert

Wir sind jung und haben das Geld. Wir fahren raus, ins Nachbarland, da gibt’s keine Berge. Und wir können alles sehen, was da kommt, und alles ist klar. Da wartet das Meer und mit zarten Schäfchen-Wolken-Wimpernschlägen erwacht der Sommer. Es klingt nach leichter Brise und ich habe eine Gänsehaut. Unser Lachen übertönt den Sonnenaufgang. Es klingt nach Spaß und ich möchte gar nicht so schnell erwachsen werden. Und das Klirren der Bierflaschen, die hinter dem Zelt ins nasse Gras kippen, übertönt unser Lachen. Es klingt fast wie Musik. Du summst irgendwas. Das machst du immer, wenn du glücklich bist. Es gibt da diese eine Melodie. Die kommt immer wieder. Ich nenne sie heimlich „unser Lied“. Aber wenn man dich fragt, weißt du von nichts.

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Wir haben Ideen und stellen uns vor, wie das Leben sein wird. Wir träumen nicht im Konjunktiv. Wir ziehen in die Stadt. „Das wird schwer“, sagen die einen. „Das wird ein Abenteuer“, sagen die anderen. Und wir warten – auf unser ganz eigenes Abenteuer und vertrödeln unsere Zeit. Wir tragen dickrandige Brillen und bedruckte Jute-Beutel. Unsere Leben laufen auf Papier, schwarz auf weiß, keine Zeit für Deko. Alles ist irgendwie minimal – und ich fühle mich wie auf einem Techno-Konzert: Hecktisches Gezappel, nur auf Droge zu ertragen. Und ich verliere die Musik aus den Augen. Die mir mal so viel bedeutet hat. Du summst immer noch. Du bleibst dir treu. Ich beneide dich dafür. Ich bleibe bei dir. Du bist das Gute von damals. Daran halten wir fest. Ich habe immer noch einen Ohrwurm von deinem Gesumme.

Wir erobern Städte und Herzen, wir machen Fotos von Fremden und du murmelst was von tiefen Blicken und dicken Titten. Und der BH, der mal hellrosa war, ist jetzt dunkelrosagrau. So lange kennen wir uns schon. Wir haben alle Geheimnisse ausgetauscht. Du nimmst meine mit ins Grab. Und ich deine. Später irgendwann. Deine Melodie ist eine Erinnerung an klamme Zeltwände und löchrige Schlafsäcke. Wir schwelgen und schwärmen und schunkeln von Zwei-Zimmer-Küche-Bad in Vier-Zimmer-Küche-Bad-Balkon. Wir nennen die Katze Igel. Nur damit wir sagen können: Alter, der Igel wohnt jetzt hier!

Wir sind jetzt nicht mehr ganz so jung und ein bisschen hip und ein bisschen spießig. Ich finde das ziemlich okay. Ich glaub, so haben wir uns das vorgestellt. Sofern das geht. Es kommt ja doch immer alles anders als geplant. Glaub mir, davon kann ich ein Lied singen! Und der Igel macht Katzenmusik und du summst, während du Dosen öffnest. Ich koche, du spülst. Ein Glas Wein zu viel, egal, wir sind ja unter uns. Wir können genießen. Wir können loslassen.

 

Ich habe wieder den Ohrwurm und höre noch ein letztes Mal unser Lied, bevor ich die Kopfhörer abnehme. Bin gleich da. Bei dir herrscht immer absolute Stille. Die ist mir heilig. Dabei wäre dir Musik sicher lieber. Ich hab dir keine Blumen mitgebracht. Sondern ein Mixtape. Das sind grad die Lieder, die unser Leben beschreiben würden. Wenn wir ein gemeinsames gehabt hätten. Ich leg es oben auf den glatten Stein. Den haben deine Eltern schlecht ausgesucht. Er passt nicht zu dir. Da steckt keine Melodie drin.

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Dieser Text ist Teil des Projektes *.txt von Dominik. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein zufällig ausgewähltes Wort. Zuletzt „wünschen“. Davon inspiriert darf jeder, der teilnehmen möchte, einen kreativen Text verfassen. „Wunschkonzert“ ist mein Beitrag.

Mich würde es sehr interessieren, was ihr von dem Text haltet. Und wie ihr ihn versteht oder interpretieren würdet. Lasst mir gerne einen Kommentar da!

Unterschrift1

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3 Antworten zu [*.txt] Wunschkonzert

  1. sabine schreibt:

    toller text, traurig und tiefsinnig und wahr….

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  2. Eva schreibt:

    Ein wunderschöner Text. Erinnert mich total an Poetry-Slams. Tiefsinnig und echt. Ganz toll

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