[*.txt] Polaroid

Der Sommer ist vorbei. Zumindest da, wo wir wohnen. Aber das zählt hier nicht, hier geht die Sonne immer etwas früher unter, 30 Grad sind es trotzdem. Und wir genießen die Auszeit, die unser Budget zulässt. Ich glaub, der Typ im Reisebüro dachte, wir wären lesbisch.  

Das Meer berührt unsere Füße und wir kichern. All Inklusive tut uns nicht gut. Die Bar macht schon vor dem Mittagessen auf und versorgt und mit fast allem, was das Herz mit falschen Hoffnungen füllt. Ich würde jetzt gern sagen, das hab ich ja geahnt. Aber du würdest das nur spießig finden.  

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Dabei sollte ich doch deine Wing-Woman sein. Das ist am Strand aber gar nicht so einfach. Und du vergleichst Männer mit Schokolade. Aber die schmilzt in der Sonne wie unsere großen Vorhaben und wie Pläne, die du im letzten Jahr geschmiedet hast. Im letzten Leben, wie du immer sagst und dabei lachst als würde niemand deine Augen sehen, die nicht mitlachen, sondern nur so tun unter sozialem Druck sogenannter Freunde, die gar nicht richtig hinsehen wollen. Das wäre ja zu anstrengend. 

Und mir ist schwindelig und meine Augen kreisen unter dem Sonnenhut. Ich kneife die Lider zusammen, um dich schärfer sehen zu können, aber du bleibst ein verschwommener blauer Fleck vor einer himmelblauen Kulisse aus Urlaubserinnerungen. 

Du bist ein Schnappschuss,  auf meine Netzhaut eingebrannt. Ein Polaroid mit Strandkörnung vor Meeresrauschen. 

Glückliche Menschen sehen schöner aus, behauptest du, und wir drehen uns in unserer neu erstandenen Bademode vor dem Spiegel hin und her. Ich nicke. Du hast Recht, denke ich, sage es aber nicht laut. Und du sagst, dein Herz ist blau und voll mit Muschelschalenscherben. Dabei sollte es rot sein und voll von pulsierenden Abenden mit Freunden. Schließlich bist du Mitte Zwanzig, in der Blüte deines Lebens und willst, dass jemand anerkennt, wie gut deine Blüte duftet. 

Der Abend riecht nach Vino de la Casa und nach Sonnencremeresten zwischen den Zehen und die Welt ist dunkelblau. Nachdem gold in rosa untergegangen ist, bleiben nur noch wir zwei, du in deinem nachtblauen Kleid , das so gut zu deiner Augenfarbe passt. Ich mit meinem Blue Curacao , der so gut zu meinen Gefühlen passt.  

Wie lange dauert eigentlich ein Augenblick, wenn man die Augen schließt? 

Die Animateure schlafen längst, aber du lachst und tanzt und trinkst, als hättest du zu lange keinen Urlaub mehr gemacht. Du lebst. Endlich wieder. Lass uns das mit nach Hause nehmen. Diesmal keine Muscheln und keinen abgefüllten Sand für die Sammlung auf der Fensterbank.  Diesmal nur gebräunte Haut und Leben. Darauf noch einen Drink, sagst und du hebst dein Glas, das heute ausnahmsweise mal halbvoll ist. Und du lachst, weil ich einfach nichts vertrage.  

Und wäre ich nicht so blau, würde ich dich besser erkennen. Und wie viel du mir bedeutest.“

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Dieser Text ist Teil des Projektes *.txt von Dominik. Alle drei Wochen veröffentlicht er ein zufällig ausgewähltes Wort. Letztens wollte er mit „Schwermut“ den Sommer, die Sonne und die wahre Freude am Leben in Frage stellen. Sehr passend dazu ließ ich mich inspirieren zu meinem Text „Polaroid“.

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