[Freitagsrezi] 180° Meer

Nachdem ich „Mängelexemplar“ und „Wachstumsschmerz“ so hin- und mitgerissen verschlungen hatte, musste der neueste Roman von Sarah Kuttner, der seit dem Jahreswechsel zu haben ist, natürlich möglichst schnell den Weg in mein Bücherregal finden. Und auch diesen neuen Roman „180° Meer“ habe ich verschlungen.

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Allerdings ein bisschen weniger hin- und mitgerissen.

Ich denke, dass das ganz unterschiedliche Gründe hat. Und dass das nicht unbedingt gegen das Buch an sich spricht.

Ich mag, wie Sarah Kuttner Gedanken vermitteln kann. Abgehakt. Atemlos. Wirr. So, wie jemand wirklich denken würde. Sie weiß auf erschreckende Art und Weise zu beschreiben, wie eine Figur langsam aber sicher zur Selbsterkenntnis gelangt – oder erfolgreich mit Verdrängungsmechanismen darum herum schippert, während sie gleichzeitig dem Leser das Tor zur Vergangenheit der Protagonisten öffnet, damit man nachvollziehen kann, was diese Person geformt und beeinflusst hat.

Das ist auch bei „180° Meer“ der Fall. Jule, die ganz offensichtlich ein Problem mit Nähe und Familie hat, wird analysiert, analysiert sich selbst – nicht zuletzt auch anhand der Freundschaft zu einem Hund. Wir begleiten sie auf einem Selbstfindungstrip, der sie nicht nur ans Meer führt, sondern auch nach London.

„Kann ich dich was fragen?“, fragt Tim.
„Bitte nicht“, murmle ich in die Höhle.
Ich möchte nicht sprechen. Sätze, die so anfangen, münden in der Besprechung eines Problems. Ich möchte keine Probleme. Nicht diskutieren. Nicht einen Standpunkt höhren und meinen verteidigen müssen. Kein angeblich lösungsorientiertes Gespräch über ein vermeintliches Problem führen, das dann im Endeffekt doch nur gewälzt und nicht gelöst wird. Ich möchte Probleme nicht lösen. Nicht auf zwischenmenschlicher Ebene. Sie sollten gar nicht existieren. Warum kann es zwischen Menschen nicht einfach nur Liebe geben? Bedingungslose, über Konflikten schwebende Liebe.

Wieder einmal ist die Protagonistin – das scheint typisch für Kuttner-Romane zu sein – etwas kaputt, etwas angeknackst, etwas heilungsbedürftig. Und realistisch. Realistisch mit all ihren Ängsten und Zwängen und verdrehten Ansichten, die man nur selber ändern kann, wenn man das auch wirklich will.

Sprachlich gibt der Roman all das hervorragend wieder. Störend sind dabei eher die langen Sätze, die sich zwischendurch hineinschleichen, die man sorgfältig lesen muss, um die Metapher zu erfassen, die darin versteckt wird und die Bildsprache des Buches ungemein bereichern. Das hat sie drauf, die Frau Kuttner.

Warum ich dennoch ein bisschen enttäuscht war? Ich denke, von allen drei Romanen ist „180° Meer“ der schwächste. Er beginnt sehr negativ und es fiel mir schwer, mich in der Situation und in der Protagonistin einzufinden. Dieses Problem hatte ich bei den anderen beiden Roman nicht. Aber da befand ich mich auch selber in einer ganz anderen Situation. Und vielleicht macht genau das etwas aus. Sehr glückliche – oder auch gedankenlose – Menschen werden sich nicht in der Geschichte wieder- oder zumindest einfinden können. Das verhindert ein Stück weit, dass man mitfiebert und mit Leidenschaft liest. Und gerade am Anfang wollte ich vielleicht auch gar nicht eintauchen in diese Welt voller „Kaputtness“, wie es im Buch heißt, weil es einen zwingt, sich auseinanderzusetzen. Zumindest mit den Problemen der Hauptfigur.

Ich brauche die Wut als Signal für die Ungerechtigkeit. Ich halte sie ganz pathetisch hoch wie eine Fahne gegen das Vergessen. Verzeihen ist nicht drin. Außerdem mag ich sie, die Wut. Sie definiert meinen Umriss, ohne sie wüsste ich nicht, wer ich bin. Ohne Wut wäre ich vielleicht ein schönerer Mensch, aber auch weniger Mensch.

Aber nach etwa einem Drittel hat das Buch mich dann doch bekommen, ich war drin und auf den letzten Seiten hatte ich sogar ganz kurz Tränchen in den Augen. Man muss sich eben drauf einlassen. Und man muss wissen, dass das kein Happy-ever-after-Buch ist, weil Sarah Kuttner eben keine solchen Bücher schreibt. Wer ihren Schreibstil und die anderen beiden Romane mag, wer etwas für Zynismus und Selbstfindung und „Kaputtness“ übrig hat und wer sich auf das Negative im Leben einlassen kann, für den ist „180° Meer“.Unterschrift1

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