[Freitagsrezi] Krass: Nullzeit

Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Einen Krimi irgendwie. Aber besser. Wenn man den Rezensionen Glauben schenken konnte.

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Ich wurde mitgerissen, überrumpelt, überrascht und war verwirrt. 

„Wahrscheinlich war die Fantasie mit ihm durchgegangen. Das Beste würde sein, nichts zu unternehmen. Neunzig Prozent aller Probleme erledigten sich von selbst, wenn man Ruhe bewahrte.“

Erst mal mochte ich das Buch ab dem Moment, in dem erwähnt wurde, dass die Geschichte auf Lanzarote spielt. Sven, ein Tauchlehrer, erzählt von der Begegnung mit zwei sehr anstrengenden Tauchschülern: B-Prominenz aus Deutschland. Sie Schauspielerin, er Schriftsteller. Sie wirken wie ein sehr unglückliches Paar.

Um diese drei Personen spannt sich eine immer abstruser werdende Geschichte aus Lügen, Wünschen, Verzweiflung und perfider krimineller Energie. 

„Ich hasste es, wenn Menschen einander beurteilen. Es war eine Sucht. Ein Fluch. Ich hatte Deutschland verlassen, weil ich das Leben in einem allumfassenden Netz aus gegenseitigen Beurteilungen nicht länger ertrug.“

Aus der Ich-Perspektive erfährt der Leser Svens Sicht der Dinge. Anfangs noch unbeteiligt und neutral, spielen auch in seinen Schilderungen die unterschiedlichsten Gefühle eine immer größere Rolle. Jedes Kapitel endet mit einem Tagebucheintrag der Schauspielerin. Anfangs habe ich mich gefragt, was das soll, schildert sie doch denselben Tag auf Lanzarote wie der Tauchlehrer vorher.

Doch dann wird es komplex. Stimmen die ersten Beschreibungen noch überein, weichen die Tagebucheinträge immer weiter ab, verdrehen Gespräche – sogar bis ins Gegenteil, schildern Geschehnisse, die laut Sven nie passiert sind. Zum Schluss stimmen die Berichte der beiden Seiten überhaupt nicht mehr überein.

„Mit der weiblichen Neigung zum Psychologisieren war ich noch nie zurecht gekommen. Mithilfe einer Flasche Wein konnte Antje eine ganz Welt aus Deutungen errichten, dramatisch und schillernd wie ein Musical, und das Ergebnis anschließend mit der Realität verwechseln. Nur Frauen waren in der Lage, auf ihren Mann wütend zu sein, weil sie in der Nacht schlecht von ihm geträumt hatten.“

Am Anfang habe ich gedacht, die Schauspielerin sei vielleicht labil, leide unter Wahrnehmungsstörungen. Irgendwann wusste ich nicht mehr, ob ich ihr oder dem Ich-Erzähler Sven glauben sollte. Einer von beiden musste doch lügen!

Es gipfelt in einem Ereignis, das der Leser irgendwie insgeheim die ganze Zeit erwartet hat. Und doch schockiert es.

„Fast war es, als würde ich mir selbst beim Denken zuhören. Vernünftig und klar. Frei von der anstrengenden und letztlich völlig überflüssigen Verwirrung der letzten Tage.“

Erst als dem Erzähler der Hintergrund und die Tragweite dieses zweiwöchigen Tauchurlaubs klar werden, rieselt es endlich auch dem Leser wie Schuppen von den Augen.

Die gesamte Story entblößt eine unerwartete und kaum zu fassende Kaltblütigkeit, die mich bis zur Auflösung gefesselt hat. Trotz der eher nüchternen Art des Erzählers ist „Nullzeit“ nie langweilig oder uninteressant. Es ist spannend, klug und eiskalt und unbedingt lesenswert! 

Juli Zeh schafft es, Gefühle und Gedanken in sehr schlaue Sätze zu verpacken. Hätte ich einen Textmarker gehabt, das halbe Buch wäre bunt. Ich bin sehr beeindruckt von ihrem Schreibstil und der wirklich intelligenten, gut durchdachten Geschichte, die sie in „Nullzeit“ erzählt.

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Eine Antwort zu [Freitagsrezi] Krass: Nullzeit

  1. diealex schreibt:

    Das hört sich richtig gut an! Ist sofort auf meinen Wunschzettel gewandert :-)
    Viele Grüße, die Alex

    Gefällt mir

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