Mein Fahrrad und ich – Part 2: Peng!

Donnerstag ist der einzige Tag, an dem ich um acht Uhr in der Uni sein muss. An der Uni heißt „acht“  Viertel nach acht, also fahren wir um acht gerade mal los.  

Du und ich sind hochmotiviert, neues Studium, neue Stadt, neues Gebrauchtfahrrad. Du bringst mich jeden Tag zur Uni und zum Sport, wartest draußen geduldig, du bist ein gern gesehener Gast bei Parties und jeder kennt dich. Wir werden sogar aufeinander angesprochen. Du bist aber eher schweigsam. Manchmal frage ich mich, ob das deine Art ist, mich zu verleugnen. Ich nehme es dir aber nicht übel, dafür bin ich viel zu froh, dass ich dich habe. Im uni-üblichen Schrottmühlen-Vergleich schneidest du sogar ziemlich gut ab: Noch keinen Platten, Licht vorne und hinten funktioniert, die Handbremse quietscht nicht und die Klingel tut’s auch. Minuspunkte sammelst du allerdings beim fehlenden Fahrradkorb, dem etwas zu kleinen Rahmen und der ausgeleierten Kette. Deine funktionierende Drei-Gang-Schaltung liegt im soliden Mittelfeld. 

Keine Ahnung, was an diesem Donnerstag in dich gefahren ist. Wir sind richtig früh dran und wir haben grüne Welle und nehmen mit ganz viel Schwung die Viktoriabrücke ins Visier. Wir sind fast oben, da macht es Peng! Ich erschrecke mich so sehr, dass ich falle. Dich nehme ich natürlich mit. Wir landen auf der Bordsteinkante. Niemand hilft. Ich ziehe dich auf den Bürgersteig. Vor lauter Schreck gehe mit dir einfach zur Uni, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Ich schreibe eine SMS, dass ich wahrscheinlich zu spät kommen werde, komme dann aber doch pünktlich, nur um festzustellen, dass die Freundin, der ich die SMS geschickt habe, zu spät kommt und meine SMS gar nicht gelesen hat. 

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Ich muss von mehr meiner Kommilitonen die Handynummer erfahren. Und ich muss donnerstags gar nicht so früh losfahren, wenn ich sogar zu Fuß noch pünktlich bin. 

Die ganze Vorlesung über sind meine Gedanken bei dir. Geht es dir gut? Bist du noch zu retten? Wie viel kostet der Eingriff?  

Du stehst im Regen mit deiner klaffenden Wunde. Ich steh im Regen ohne Jacke. Ich schiebe dich zur nächsten Bushaltestelle und hoffe, dass wir mit dem Bus halbwegs trocken nach Hause kommen. 

Das hoffen leider ziemlich viele, darunter auch Schüler und Mütter mit Zwillingskinderwagen.  

„Mit dem Fahrrad nicht einsteigen“, ruft der Busfahrer. 

„Ich bin ziemlich gut in Tetris“, rufe ich. 

Aber der Busfahrer bleibt hart, die Türen bleiben zu. Die Viktoriabrücke bleibt auch im Regen so steil wie noch am Morgen. Wir erklimmen sie mit deinem Humpel-Rad nur langsam und mir gehen Sätze durch den Kopf wie „Ich kann vielleicht deinen Reifen nicht für dich tragen, aber ich kann dich tragen“. Wir kommen schließlich ziemlich durchweicht zu Hause an, ohne dass ich eine Trilogie über den Herrn der Räder verfasst habe. Der Freund ist bereits per SMS über alles unterrichtet und schreibt highly alerted ununterbrochen SMS-längen-kompatible Lösungsvorschläge. Einer davon lautet, er wolle den Fahrradschlauch reparieren, das sei keine große Sache. Zum Sport müsse ich dann aber den Bus nehmen. 

Ich schiebe dich gerade ins Treppenhaus, als die Nachbarin aus dem Erdgeschoss ihren Kopf zur Tür heraus streckt. Mit dem verdächtig genauen Riecher, genau den Nachbarn abzufangen, den man sich vorknöpfen will, den nur gelangweilte Rentner in Mietwohnungen haben, erwischt sie uns beim beschwerlichen Abgang in den Keller. Ich solle doch bitte die Kellertür abschließen, wenn das Fahrrad und ich das Haus verlassen. Ich nicke und sage „Jaja“, was so viel heißt wie „Leck mich am Arsch“ und tropfe noch ein bisschen die Kellertreppe voll, wobei ich dich absichtlich sehr geräuschvoll in den dunklen Schlund des Mietshauses bugsiere. 

Während ich dich im Keller trocknen und meinen Frust beim Sport rauslasse, stellt der Freund fest, dass das mit dem Flicken nicht ausreicht und dass es einen invasiven Eingriff benötigt. Jetzt liegst du ohne Mantel und die nackten Speichen in die Luft gestreckt wehrlos auf dem harten Kellerboden und wartest auf die OP. 

Der Eingriff kostet fast 9 Euro. 

Wir schaffen vier Donnerstage bevor du dich entscheidest, das Implantat abzustoßen. Abwehrreaktion. Okay, du bekommst einen besseren Schlauch. Der hat sogar so eine Schutzschicht, damit der Reifen nicht bei jeder Kleinigkeit verletzt wird. Zwölf Euro kostet der Eingriff. Und natürlich ist es immer der Hinterreifen, der viel komplizierter auszubauen ist. Ich denke ernsthaft darüber nach, eine Blitz-Ausbildung zum Fahrradmechaniker zu machen. 

Im Keller hängen mittlerweile an fast allen Türen handschriftlich geschriebene Zettel mit dem eingängigen Slogan „Bitte Türe abschließen“. 

Es ist noch nicht Dezember, da eröffnest du mir, dass sich Donnerstage in deinem Terminkalender besonders gut für Notfalloperationen eignen. Der Patient bist natürlich wieder du. Ich glaube heimlich, du genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Weil der Zwölf -Euro-Schlauch ja gerade erst neu ist, einigen wir uns auf einen kleineren Eingriff: Flicken.   

Ich muss ein bisschen fummeln, um dir den Mantel auszuziehen. Das magst du, gib es zu. Der Mantel sieht alt aus. Der Schlauch sieht noch ziemlich neu aus. Nur eben mit Loch drin. Aber die Reparatur ist viel einfacher als gedacht und hält etwa eine Woche.  

Dann begrüßt du mich eines morgens mit einem Platten. Der geflickte Zwölf-Euro-Schlauch hat über Nacht den Geist aufgegeben und lässt mich ziemlich doof da stehen. Der Freund wird informiert, ein neuer Zwölf-Euro-Schlauch gekauft und eine erneute OP durchexerziert. Diesmal macht´s der Freund, denn mein Flickwerk war ja offensichtlich nicht gut genug. 

Der Freund ist ein bisschen genervt von dir und auch ein bisschen übermütig – er meint es wohl zu gut. Denn als er den neuen, zweiten Zwölf-Euro-Schlauch im alten Mantel aufpumpt, platzt der Schlauch. Peng!  

War es das? Ich will schreien, dir die Speichen eintreten, dich grün und blau schlagen. Aber du bist ja schon kaputt. 

Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss hört das Knallen und fragt nach, ob alles in Ordnung sei. Nachdem sie sich dessen versichert hat, bittet sie mich, die Kellertür in Zukunft abzuschließen, wenn das Fahrrad und ich das Haus verlassen. 

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Der ausgefuchste Händler hat mir beim Gebrauchtfahrradmarkt hübsch getarnten Schrott angedreht. Und ich wusste bisher wirklich nicht zu schätzen, wie viele Vorteile es hatte, in einem freistehenden Einfamilienhaus aufzuwachsen. 

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.zurück zu Part 1: Es ist, was es ist, sagt die Liebe
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5 Antworten zu Mein Fahrrad und ich – Part 2: Peng!

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  3. Sissi schreibt:

    Oje, das war ja eine heftige Zeit für dein Rad und dich. Ich freue mich schon auf deine nächste Geschichte!

    XOXO

    Sissi

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