Mein Fahrrad und ich – Part 3: Kettenreaktion

Donnerstags scheint nicht so dein Tag zu sein. Denn es ist wieder ein Donnerstag, als wir quietschfidel über die holprigen Straßen der Weststadt hüpfen, und plötzlich deine Kette raushüpft. Ich hüpfe gerade noch rechtzeitig vom Rad, bevor es dich mit verhedderten Kettengliedern zu Boden reißt. Natürlich sind wir auf der falschen Seite der Viktoriabrücke und mir kommt der Verdacht, du entwickelst Vermeidungstaktiken, um nicht die Brücke hochächzen zu müssen.  

Immerhin liegt der Winter hinter uns, den du mit den teuren neuen Mänteln und den schicken 12-Euro-Schläuchen gut überstanden hast. Endlich haben wir angefangen, auch die Südstadt zu erkunden und du bist sowohl in der Stadt als auch am Rhein mein treuester Begleiter. 

Wegen deiner Reifeneskapaden im letzten Jahr und auch, weil unverhofft Schnee gefallen war, bin ich mittlerweile ziemlich gut darin, dich über die Viktoriabrücke zu schieben. Nicht, dass ich das gerne tun würde, denn ich geh nicht gern zu Fuß. Aber wie heißt es so schön: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.  

Und so mache ich dir den dritten Liebesbeweis innerhalb von zwei Wochen,  als ich dich erneut mit deiner gerissenen Kette in meinen ölverschmierten Fingern und einem beinahe gerissenen Geduldsfaden in meinem stressigen Alltag über die Brücke hieve.  

Angefangen hatte es damit, dass die Kette mehrmals rausgesprungen war. Zuerst auf dem Heimweg vom Sport. Seitdem weiß ich, dass ich mehr als 30 Minuten brauche, wenn ich zu Fuß zur Sporthalle möchte. Das finde ich äußerst inakzeptabel, wenn man bedenkt, dass ich ja eh ein Warm-up beim Sport machen muss und das Gelatsche vorher nicht zählt, aber trotzdem anstrengt. Das zweite Mal auf dem Weg zu meinem Südstadt-Nebenjob. Zum Glück habe ich keine festen Arbeitszeiten, sodass niemand gemerkt hat, dass wir echt spät dran waren. Das dritte Mal nach der Uni, weil die Viktoriabrücke dein persönliches rotes Tuch zu sein scheint.  

Ausgeleiert lautete die Diagnose für deine überstrapazierte Kette. Das ließ sich aber leicht und kostenlos in der Werkstatt richten, nachdem ich es satt hatte, vor jeder Bordsteinkante Panikattacken zu bekommen. Ich war davon ausgegangen, dass das Problem damit behoben sei. Aber du wärst ja nicht das Lila-Laune-Fahrrad, wenn du deinen Launen nicht freien Lauf lassen würdest. Und so schlingt sich deine Kette mit sich auflösenden Gliedern gedärmähnlich in und um den Kettenkasten, um meine Finger und letztlich um deinen Lenker, wo ich die Kette deponiere, während ich schiebe. Denn einen Korb besitzt du ja nicht, den ich in den sich häufenden Momenten wie diesen hier mehr und mehr zu missen beginne. 

Ich bezweifle, dass ein erneutes Reparieren der desolaten Kette die Lösung  ist. Also entscheide ich mich, dir eine neue Kette zu schenken. Eine, die du nicht immer wieder ablegen willst, eine, die du gerne trägst und die du in Ehren hältst. Sicher, ich weiß, dass du nicht käuflich bist, das hast du mir mit deinen Reifen schon bewiesen. Aber bitte nimm dieses Geschenk an.  

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und Bonn ist gar nicht so fahrradfreundlich. 

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Hier geht es zurück zu Part 2.1: Sankt Martin oder die Geschichte mit dem Mantel
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