Mein Fahrrad und ich – Part 7: Victoria

Die Karma-Polizei stellt schwere Strafen aus: Nachdem der Diamant nicht wieder zu mir zurückgekommen ist, verkuppelt sie mich mit Victoria.  

Victoria kommt aus einem Gebrauchtfahrradladen, hat Rostflecken und drei Wochen Bewährung. Sollte der Diamant doch noch auftauchen, bekommt der Gebrauchtfahrradladen Victoria und ich mein Geld zurück. Aus drei Wochen Bewährung werden drei Monate Gewährleistung, die Victoria auch direkt mal in Anspruch nimmt, weil die Gang-Schaltung nicht mehr funktioniert. Ich strample mich durch die Stadt und sehe wahrscheinlich genauso lächerlich aus wie all die anderen Menschen, die nicht wissen, in welchem Gang man über ebene Wege fährt. Ich tausche also drei Gänge gegen drei Tage brennende Oberschenkel. Die Werkstatt hat schließlich nur donnerstags bis 20 Uhr auf. Natürlich donnerstags, das ist schließlich international anerkannter Fahrräder-versagen-ihre-Dienste-Tag. 

Ich hasse Victoria. Denn jedes Mal, wenn ich sie sehe, erinnert sie mich daran, warum wir uns überhaupt kennengelernt haben: weil der Diamant verschwunden ist. Ich kann Victoria nicht lieben, nicht einmal mögen. Ich kann und ich will ihr keine Chance geben. Sie ist nur der fahrbare-Untersatz-Ersatz, eine Notlösung, ein Provisorium, nur, um die Zeit zu überbrücken, bis der Diamant zu mir zurückkommt.  

Was natürlich nie passiert. Und so wird aus dem Provisorium mein Alltag mit Victoria. 

Immerhin: Gemeinsam sind wir so schnell wie ein anfahrendes Auto. Und immerhin: Victoria hat 28 Zoll und ist damit genauso groß wie der Diamant und deutlich größer als das LilaLaunerad. Und einen bequemeren Sattel hat sie auch. 

Außerdem hat Victoria einen Fahrradkorb, der weiß ist, was ich fast ein bisschen schöner finde als den schwarzen Korb des Diamanten. Vielleicht rede ich mir das aber auch einfach nur ein, damit ich besser über meinen herben Verlust hinweg komme.  

Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich Victorias Fahrradkorb zu einer Pfandflaschensammelstelle mit integrierter Mülleimerfunktion. Zumindest wenn es nach den Menschen am Bahnhof geht. Demnächst stelle ich ein Schild auf: Pfand gehört daneben. Zumindest war das der Plan. Nach einigen Wochen des unfreiwilligen Müllsammelns testen wir eine andere Methode: Wir lassen unverfänglichen Müll in Victorias Korb liegen, in der Hoffnung, dass die Leute am Bahnhof dann denken, da wäre schon genug drin, und sich einen anderen Fahrradkorb suchen, den sie verunstalten können. Und siehe da: Es funktioniert. Nennt man das jetzt schon umgekehrte Psychologie?  

Und apropos Psychologie: Wie lange muss ich mir noch einreden, Victoria nicht zu mögen, damit ich mir nicht so vorkomme, als hätte ich den Diamanten verraten? Wann können Victoria und ich Freunde sein? Noch ist es jedenfalls nicht so weit und noch tröste ich mich damit, dass die Versicherung wenigstens das Geld für den Verlust des Diamanten rausgerückt hat. So kostet Victoria mich lediglich Nerven und ein wenig Zeit. Und einen Großteil meines Schamgefühls, falls ich das nicht schon mit dem LilaLaunerad überstrapaziert habe. 

Ich bin mit einer Freundin verabredet, die Victoria noch nicht kennt. Verblüfft liest sie den Namen, der blau auf silberfarbenem Rahmen gut sichtbar aufgedruckt ist, und formuliert ihn als Frage: 

„Victoria?“  

„Ja, seit das andere Rad geklaut wurde…“, sage ich und senke den Blick auf Victoria, die geduldig wartet bis ich das Fahrradschloss aufgeschlossen habe.    

„Ist doch ganz schön“, sagt meine Freundin, die  gar kein Fahrrad hat und das deshalb eigentlich nicht beurteilen kann. 

„Das? Das ist die absolute Schrottmühle! Ich hasse es“, sage ich entrüstet. 

Wie zum Beweis und um mir zu zeigen, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht, klappert es energisch irgendwo zwischen Lampe und Lenker und Victoria spuckt mir den halben Bremsklotz vor die Schuhe. Dann geh doch zu Fuß!, scheint sie zu schreien und untermalt ihren Gram mit einem hohen Quietschen, das den ganzen Fußmarsch über anhält und mir vorhält, was für ein schlechter Mensch ich bin.  

Meine Freundin guckt ein wenig mitleidig drein und verliert kein Wort mehr über Victoria. Ich verliere mit der Zeit meine Abneigung gegen das Ersatzfahrrad und verliere kein Wort darüber.  

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Jeder verdient eine Chance. Und jeder eine zweite. 

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Hier geht es zurück zu Part 6: Trennungsschmerz
und hier geht es weiter zu Part 8: Karma is a bitch 

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2 Antworten zu Mein Fahrrad und ich – Part 7: Victoria

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