Mein Fahrrad und ich – Part 9: 26 Zoll

Digi ist von allen vier Rädern, die ich in den letzten vier Jahren hatte, das hässlichste. Es ist rot, mit einem rostigen Klapperkorb, und außerdem hat es nur 26 Zoll.  

Das ist nicht etwa meine Schuld, sondern die der Fahrradwerkstatt. Dort hatte ich mir vom Grabbeltisch das billigste ausgesucht, das mir dort als 28 Zoll-Damenrad mit dem Versprechen der Fahrtüchtig- und Verkehrstauglichkeit inklusive Dreigangschaltung angeboten wurde. Auf dem Grabbeltisch sah Digi, das eigentlich Dirigent heißt, irgendwie größer aus. Der Staub und die Spinnweben müssen darüber hinweg getäuscht haben. Denn die Verkäuferin ist fest von 28 Zoll überzeugt. 

Als ich eine Woche später in die Werkstatt komme, weil ich angerufen wurde, dass mein Rad abholbereit wäre, habe ich direkt ein komisches Gefühl. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, das Eltern haben, die denken, ihr Kind sei von Aliens entführt und ausgetauscht worden. Und die haben meistens recht.  

Mit Digi stimmt etwas nicht. Und das liegt nicht daran, dass ich es aufgrund der fehlenden Spinnweben nicht wiedererkenne. Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt, als ich gesagt habe, „Sie hatten angerufen, mein Rad ist fertig … Es ist rot.“ Und deshalb wird mir jetzt das falsche Rad vorgeführt? Aber ich hatte auch nicht sagen wollen „Es ist irgendwie hässlich mit so einem rostigen Korb dran und das günstigste, das Sie mir anbieten konnten.“ Das wäre ja vielleicht auch im falschen Hals gelandet.  

Aber nein, es ist das einzige rote Fahrrad im Verkaufsraum. Habe ich mich beim Aussuchen so getäuscht? War ich so geblendet von der Not, ein Fahrrad zu brauchen? Ich drehe eine Proberunde auf Digi, das eigentlich Dirigent heißt, und fühle mich dirigiert. Ich fühle mich auf diesem winzigen 26 Zoll Rad wie ein Zirkusbär, der auf einem Einrad durch die Manege fährt: viel zu groß und plump und unproportional und ich fühle mich angestarrt von den anderen Kunden, als hätte ich in artiger Zirkusbärmanier auch noch ein rosa Tütü an, das sich farblich mit Digis Rot beißt. 

Ich beiße die Zähne zusammen und nehme Digi mit nach Hause. Es steht neben Victoria und sieht wie ein Zirkusbärenkinderfahrrad für Tütü tragende Zirkusbärenkinder aus.  

„Morgen bringe ich dich nach Köln“, sage ich zu Digi und lasse es wie eine Drohung klingen. 

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Eine Dreigangschaltung ist keine Garantie fürs Glücklichsein. Und: Ich geh nie wieder in den Zirkus, weil ich nicht will, dass die Zirkusbären sich so fühlen müssen wie ich mich auf meinem neuen Gebrauchtfahrrad. 

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Hier geht es zurück zu Part 8: Karma is a bitch
und hier geht es weiter zu Part 10: Rot, rot, tot (erscheint am 15.12.2017)

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2 Antworten zu Mein Fahrrad und ich – Part 9: 26 Zoll

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