Mein Fahrrad und ich – Part 10: Rot, rot, tot

Digi hasst die Bahnfahrt nach Köln. Es ist warm und eng und stickig und wir stehen eingequetscht zwischen einem Zwillingskinderwagen, einem Buggy, einer defekten Tür und angenervten Pendlern, die uns mit Blicken abstrafen. Digi rammt mir die Gangschaltung in den Bauch und kratzt mit dem rostigen Korb an der defekten Straßenbahntür. Ich schwelge in Erinnerung, war es doch mit dem LilaLaunerad genauso gewesen. Und was war aus dir geworden? Verschwunden nach nur eineinhalb Jahren in Köln. Immerhin trägt die Versicherung die Kosten und so kostet mich Digi effektiv 3 €. Fast wünschte ich, es würde auch im Kölner Untergrund verschwinden, dann könnte ich mir vielleicht ein schöneres Gebrauchtfahrrad aussuchen. 

Aber ich spreche diesen Gedanken nicht aus. Ich denke ihn nicht mal zu Ende, denn ich wette, die Karma-Polizei wartet nur darauf, mir wieder eins reinzuwürgen für nicht abgeschlossene Kellertüren, die schon seit Monaten immer abgeschlossen sind, eben weil ich es mir mit den Karmapunkten nicht versauen will. 

Die Zeit vergeht. Ich hasse Digi immer weniger. Selbst die Kollegen sagen: „Wow, dein Fahrrad fährt ja voll schnell!“ Ich verleihe Digi in der ein oder anderen Mittagspause. Es scheint ihm nichts auszumachen. Hauptsache gebraucht werden. Hauptsache Werktag. Denn: 

Digi hasst lange Wochenenden. Immer, wenn wir uns mehr als drei Tage nicht sehen, stimmt irgendetwas nicht. Ostern scheint dabei besonders problematisch zu sein, war es doch erst letztes Jahr zu Ostern, als das LilaLaunerad sich einer besonders brutalen Behandlung unterzogen sah, die es an mehr als einer Stelle verbeult und zerkratzt zurückließ. Dagegen kann Digi sich noch glücklich schätzen: Statt einer Niere fehlt nur die Gangschaltung, die schöne rote mit dem Turbo-Schriftzug, die genauso klein war wie Digi selbst und genauso rot. Weil man aber mit ohne Gangschaltung ebenso leben kann wie mit nur einer Niere, gibt es keinen Krankenhausaufenthalt für Digi. Da müssen wir jetzt durch und strampeln uns im dritten Gang durch Köln.  

Nach einer Woche haben wir uns daran gewöhnt. Digi ist zwar langsamer geworden, aber ohne Turbo-Gangschaltung kann man eben nicht mehr turbo-schnell fahren.  

Nach zwei Wochen kommt die Quittung. Ein langes Wochenende mehr, Digi braucht mehr Aufmerksamkeit. Und wie macht man das als Fahrrad am einfachsten? Richtig, Digi hat nen Platten. Ich pumpe zwölf Minuten lang neues Leben in das Hinterrad, aber vergebens. Als endlich wieder genug Luft vorhanden ist, vernehme ich dieses verräterische Zischen. Dieser Platte ist nicht mit der Luftpumpe zu retten.  

Digi macht einen Ausflug nach Hause und verbringt eine Nacht mit Victoria. Einen neuen Schlauch gibts auch – der Freund erbarmt sich. Doch Digi ist sauer. Der neue Schlauch platzt ebenso wie der Plan, bereits am nächsten Tag wieder durch Köln zu cruisen.   

Die abgeknipste Gangschaltung baumelt lustlos neben dem Platten und zwingt mich zu drastischeren Maßnahmen. Digi muss in die Werkstatt. Weil das wohl so Sitte ist, vor dem Sommer noch mal generalüberholt zu werden. Das Spa-Treatment für alle Zweiräder, die was auf sich halten.  

Also ab in die Werkstatt. Der Eingriff dauert 10 Minuten. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich nicht so lange damit gewartet. Nach zwei Wochen ohne fahrbaren Untersatz erobern Digi und ich Köln zurück. Natürlich nicht, ohne uns noch einmal dem verächtlichen Blicken aller Freitagmorgen-Pendler auszusetzen. Ich vermute, dass Digi ganz heimlich doch ein bisschen gern im Mittelpunkt steht und fühle mich schmerzhaft an das LilaLaunerad erinnert.  

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Es ist ganz richtig, dass der Verkehrsbund Extra-Bahnfahrtickets für störrische Fahrräder eingeführt hat. Und ich fahre gerne schnell.  

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Hier geht es zurück zu Part 9: 26 Zoll
und hier geht es weiter zu Part 11: Fußfessel

Veröffentlicht in: News

3 Gedanken zu “Mein Fahrrad und ich – Part 10: Rot, rot, tot

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