Mein Fahrrad und ich – Part 12: Ehrlichkeit

Liegt es an mir? Lasst uns von vornherein ehrlich sein: Die Beziehung zu Digi stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Das LilaLaunerad – meine erste große Liebe, die mich über Asphalt und Waldwege getragen hat – konnte nun mal niemals adäquat ersetzt werden. Und dann war Digi auch noch rot, was neben Gelb wahrscheinlich eine der schlimmsten Farben ist. Entsprechend kurz war unsere Beziehung, die sich beinahe nur als Liaison bezeichnen lässt – selbst der Diamant hat es länger mit mir ausgehalten. 

Ich denke, Digi hat es mir übel genommen, dass ich immer auf seinem Äußeren rumgehackt habe. Erst recht nach der Turbo-Gangschaltung-Amputation und dem unscheinbaren Ersatz-Organ, das seinem Aussehen noch weniger zuträglich war. Vielleicht hätte ich es nicht so oft sagen sollen, wie hässlich ich Digi finde. Und vielleicht hätte ich mir nicht wünschen sollen, dass es im Kölner Untergrund verschwindet, damit ich die Chance auf einen neuen, schöneren Freund habe. Bei so viel Kritik und Gegenwind wundert es wenig, dass Digi an diesem Freitagmorgen nicht zum vereinbarten Treffpunkt erschienen ist.

Das dritte Fahrrad in drei Jahren. Die Versicherung ist es leid und hat mich satt. Sie schmeißt mich raus. Meine Fahrräder sind für die nächsten Jahre nicht auf dem Arbeitsweg versichert. Das Geld für Digi bekomme ich aber noch zurück. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich lieber arm und mit Rad statt neu-reich ohne Rad. Und wenn ich noch ehrlicher bin, muss ich das Geld ja doch ins nächste Rad investieren. Jeder Fahrraddiebstahl ist eine finanzielle Nullnummer. Emotional aber dafür sehr hoch aufgehängt.

Dabei war Digi fest angekettet, sogar unter einem Dach, damit es über Nacht nicht nass und rostig wird – abgesehen von dem rostigen Fahrradkorb, der seit dem letzten nächtlichen Überfall nur noch eher schlecht als recht am Gepäckträger befestigt war. Der war eh nicht mehr zu retten. Digi hingegen hatte doch gerade erst einen neuen Schlauch. Aber jetzt ist Digi weg. Verschwunden im Kölner Untergrund. Dabei hätte es nur noch ein halbes Jahr aushalten müssen. Dann wollte ich sowieso weg sein aus Köln. Und das wusste Digi auch. So wie Digi alles wusste, was ich dachte – vor allem über seinen Zustand und sein Äußeres. Ich war immer ehrlich zu Digi und habe nie einen Hehl daraus gemacht, was ich über das rote Rad mit dem rostigen Korb denke. Und was ist die Konsequenz? Ich bin wieder allein, allein…

An diesem Tag lerne ich zwei Dinge: Nur wahre Freunde ertragen wirklich das ganze Maß an Ehrlichkeit. Digi war wohl kein wahrer Freund.

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Dieser Beitrag ist Teil meiner Fahrradgeschichten, die im Rahmen der Blogparade I want to ride my bicycle erscheinen.Hier geht es zurück zu Part 11: Fußfessel

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2 Antworten zu Mein Fahrrad und ich – Part 12: Ehrlichkeit

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