Bin ich ein Smombie?

Smombie war das Jugendwort 2015. Seitdem bin ich ein bisschen ausgestiegen aus dem Nachvollziehen und Verstehen von Jugendwörtern (vielleicht eine Nebenerscheinung der Tatsache, dass ich bald 30 werde), aber Smombie fand ich gut. Weil es nicht nur witzig ist, sondern auch ermahnend.

Ich ertappte mich in der vorletzten Woche – also kurz vor meiner Social-Media-Pause – dabei, wie ich völlig ferngesteuert immer wieder zum Smartphone griff, das so schön griffbereit neben der Tastatur lag. Ohne Sinn und Zweck. Nicht mal, um die Uhrzeit zu checken und direkt wieder zu vergessen, wie spät es ist.

Der Griff zum Smartphone ist intuitiv und intuitiv falsch. Wer Beweise für diese Aussage braucht, guckt am besten die Serie „Black Mirror“ (ich würde allerdings Episode 1 der ersten Staffel einfach direkt überspringen). In der aktuellen Ausgabe der „bild der wissenschaft“ steht, dass wir den Griff zum Smartphone im Schnitt 80 Mal pro Tag tätigen und das Smartphone 50 Mal aktivieren. Drei Stunden täglich sollen junge Erwachsene zwischen 21 und 30 Jahren mit ihrem mobile device online verbringen. Ich finde das schon ganz schön viel und grübele, ob das auf mich auch zutrifft.

Ist Social Media Manager ein Berufsbild oder eine Diagnose?

Vor der Arbeit den Wetter-Broadcast checken, für die Agentur auf Facebook surfen und für den Kunden Twitter durchsuchen, während der Mittagspause Instagram durchscrollen, vielleicht sogar selbst was posten, abends noch mal Instagram checken – FOMO FTW! – und dazwischen hat man mindestens eine Whatsapp-Gruppe stumm geschaltet, nachdem man auf drölfzig Nachrichten mit Emoji-Kombinationen geantwortet hat, die nur diejenigen verstehen, die schon die expressions meines reallife Gesichts lesen können wie ein Buch.

Fazit: Wahrscheinlich komme ich auf die genannten drei Stunden täglich. Von denen ich wohl zwei mindestens vergeude. Selbst wenn Social Media ja auch irgendwie mein Beruf ist. Die Krux: Die aktuelle Forschung beweist, „exzessive Handy-Nutzung kann zu klassischen Abhängigkeitssymptomen wie ständiger gedanklicher Beschäftigung mit dem Gerät und privaten sowie beruflichen Beeinträchtigungen führen.“

Schlechte Kombi. Macht unsere moderne Arbeitswelt, unser Rund-um-die-Uhr-posten-und-reagieren-Können, uns am Ende krank?

Von Digital detoxing zum Baumschmuser

Ist es paradox, dass ich immer kritischer mit den Sozialen Medien werde, je länger ich Zeit in  meine Fortbildung als Social Media Manager investiere? Vielleicht gehört das dazu. Vielleicht lerne ich gerade, während ich das hier schreibe, etwas über Medienkompetenz. Weil die uns jungen Menschen ja manchmal gerne abgesprochen wird. Weil wir einfach hineingespült wurden in dieses Internet und mit Apps bombardiert. Vielleicht setze ich einfach auf ein weitere App, die mir dann dabei hilft, auf Apps zu verzichten. Die gibt es schon. Am meisten spricht mich „Forest“ an – da wird ein Baum gepflanzt, wenn man lange genug die Finger vom Handy lässt, aber mein Smartphone-Speicher ist zu voll, um eine weitere App installieren zu können.

Smombie aka the modern braindead addict?

Studien haben auch herausgefunden, dass die übermäßige Nutzung von Smartphone und Apps dumm macht. Das Hirn schrumpft, die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt ab, man kann sich schlecht konzentrieren. Erschreckend, wie ich finde. Ich will nicht verdummen!

Meine Lösung: Social Media Abstinenz. Kalter Entzug. Neun Tage wollte ich die Apps Instagram, Twitter, Facebook und Pinterest nicht öffnen, nichts liken, nichts posten.

Es fiel mir schwer. Weil ich – als wirklich starkes Gewohnheitstier – entgegen vieler meiner täglichen Gewohnheiten handeln musste. Der besagte Griff zum Smartphone ist anscheinend schon in mein muskuläres Gedächtnis eingedrungen, so oft mache ich den move am Tag. Vornehmlich mit der linken Hand, weil die rechte die Maus hält.

Halbzeit-Fazit: Weniger ist mehr

Am ersten Tag fühlte ich mich erhaben. So viel Disziplin, das müsse mir ja erst mal jemand nachmachen. Am zweiten Tag bekam ich eine DM bei Instagram auf meine letzten Story, in der ich ankündigte, dass ich eine Pause mache. Die Neugier siegte – und verschaffte meinen nach Dopaminausschuss-nach-Belohnungslike-süchtigen Gehirn Befriedigung, denn es war eine liebe Nachricht, die mir das Gefühl gab, nach der Pause immer noch mit Abonnenten dazustehen. Ich Opfer. Am dritten Tag verlinkte mich meine beste Freundin unter einem Facebook-Bild (sie ist die einzige, die das macht, deshalb ist das ok und deshalb reagiere ich auch drauf) – und prompt  fand ich mich auf Facebook wieder, drückte bei drei oder vier Bilder „gefällt mir“, bis mir auffiel, dass ich doch genau das nicht machen wollte. Am vierten Tag bearbeitete ich eine Aufgabe für meine Fortbildung zum Social Media Manager im Zusammenhang mit Twitter. Und wenn ich schon mal da war, konnte ich ja auch gleich zwei oder drei Tweets retweeten.

Was soll ich sagen? Mein Vorhaben – kein Posten, kein Scrollen, kein Liken, kein Stories-Bingen, kein Kommentieren – konnte ich also nicht komplett durchziehen. Aber wenn man anfängt, sein Verhalten zu reflektieren, merkt man auch, dass man das Smartphone wirklich oft ohne Sinn und Verstand in die Hand nimmt. Deshalb werde ich meine Zeit in Social Media nach der Pause drastisch einstampfen. Die FOMO bekämpfen, die nach vier Tagen tatsächlich wieder stärker ist als an den ersten drei. Weil man nichts verpasst.

Quelle:   „Wege aus der Smartphone-Falle“ in bild der wissenschaft, Ausgabe 10|2018, S. 80ff.

Und wer alles nachlesen möchte, findet hier die Quellen des Artikels:

  1. Gapski, H./ Oberle, M./Staufer, W.: Medienkompetenz – Herausforderung für Politik, politische Bildung und Medienbildung (2017). Bonn 2017.
  2. Montag et al.: Internet Communication Disorder and the structure of the human brain: initial insights on WeChat addiction, 2018.
  3. Montag etal.: Orbitofrontal gray matter deficits as marker of Internet gaming disorder: converging evidence from a cross-sectional and prospective longitudinal design. Addiction Biology, 2017
  4. Choi, J. et al: Structural alterations in the prefrontal cortex mediate the relationship between Internet gaming disorder and depressed mood, Scientific Reports, 2017, 7, 1.
  5. https://www.dak.de/dak/bundes-themen/studie-so-suechtig-machen-whatsapp-instagram-und-co–1968568.html
  6. Montag, C. et al. (2017): Facebook usage on smartphones and gray matter volume of the nucleus accumbens. Behavioural Brain Research, Volume 329, 2017, Pages 221-228.
  7. Meyer, A./ Hess, T./: Medienkompetenz – Smartphone und IoT-Verbrauchertrends 2017. München 2017.
  8. https://blog.motorola.com/2018/02/21/motorola-study-shows-alarming-results-that-confirm-need-for-better-phone-life-balance/
  9. https://www.dekra.de/de-de/dekra-zu-ablenkung-am-steuer-durch-smartphones/
  10. Knop et al., 2015
  11. Strube, T.B., In-Albon, T. & Weeß, HG: Machen Smartphones Jugendliche und junge Erwachsene schlaflos?. Somnologie (2016) 20: 61.
  12. Hadar et al., 2017
  13. Baert et al.: Smartphone Use and Academic Performance: Correlation or Causal Relationship. 2017.
  14. September 2018

© wissenschaft.de – Redaktion bild der wissenschaft

Foto rechts: Mathias Radke

 

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